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Südkorea. Quirlig und dicht, bergig und kontemplativ

Südkorea ist touristisch kaum bekannt. Dabei gibt es sich alle Mühe, zum Touristenziel zu werden. Eine Reise quer durchs Land: von Busan bis nach Seoul.

Von Katrin Hafner

Nordkorea behauptet, es habe Atomwaffen, Südkorea behauptet, es habe den drittgrössten Hafen der Welt. Busan, Viermillionenstadt im Südosten Südkoreas, auf dem Fischmarkt Jagalchi beim Hafen. Da wabert morgens um acht ein fleischfarbener Oktopus über die Asphaltstrasse. Ist aus einem der Plastikeimer gekrochen und will nun zurück ins Wasser im nahe gelegenen Hafenbecken.

Die Frauen beachten den Oktopus nicht. Sie kauern am Boden, in ihren Plastikschürzen und Gummistiefeln, putzen und schnetzeln Meeresgetier. In durchsichtigen Plastiksäcken silbrige Fische und getrocknete Crevetten, daneben Gewürze in Bastkörben und Tonkrügen: Pilze, Ginseng, Zimt und Wurzeln.

Schweinskopf und Jamie Oliver

Der Jagalchi-Markt ist der grösste seiner Art in Südkorea und nichts für zarte Gemüter. Vor einem Stand entfernt ein Mann mit Gasbrenner die Borsten vom Kopf eines frisch geschlachteten Schweins, und bald werden die Aale im knapp mit Wasser gefüllten Plastikbecken aufhören zu schwadern. Es lebt, bebt, riecht und tönt. Ein Junge schiebt einen überladenen Schubkarren, Motorräder rattern durch die Gassen, Autos hupen. Aus einer kleinen Bretterhütte plärrt ein TV-Gerät. Jamie Oliver hat es bis hierhin geschafft: Mit koreanischen Untertiteln übersetzt, kocht er ein Spontangericht in den leeren Raum hinein.

Die Fahrt zum Jagalchi-Markt führte durch ein Meer von Hochhäusern, eine imposante Legostadt. Streckenweise schlängelt sich die Autobahn auf hochbeinigen Brücken wenige Meter vor den Fenstern der Wolkenkratzer durch. Der Platz ist knapp; Süd- und Nordkorea gehören zu den dicht besiedeltsten Ländern der Welt: Im Süden leben 48 Millionen Menschen auf einer Fläche, die wenig mehr als zweimal so gross ist wie die Schweiz. In Nordkorea sind es 23 Millionen. Sonst haben die Länder wenig gemeinsam - ausser der Vergangenheit: 1950 bis 1953 kamen im Krieg Nord- gegen Südkorea mehr als fünf Millionen Menschen um. Seit dem Waffenstillstand schützen Zehntausende Panzer und Artilleriegeschütze die Demarkationslinie. Heute gehört Südkorea zu den wirtschaftlich produktivsten Ländern Asiens. Von hier kommen Kia, Hyundai und Samsung. Südkorea ist stabil und sicher, die Kriminalitätsrate tief. Dennoch zieht es kaum Reisende an. Als ob das kleine Land nicht nur geopolitisch, sondern auch touristisch zwischenden Nachbarn China und Japan untergegangen wäre.

Dabei wird das Reisen hier immer einfacher. Seit den Olympischen Sommerspielen 1988 und der Fussball-WM 2002 hat sich das Land nicht koreanischen Gästen gegenüber geöffnet. Die Taxis sind mit «Free Interpreter»-Systemen ausgestattet: Der Fahrer reagiert auf den Ausdruck «Free Interpreter» mit einem Anruf in die Übersetzungszentrale, wo der Dolmetscher das gewünschte Ziel vom Englischen ins Koreanische übersetzt. Zudem bieten sich Einheimische unentgeltlich als Fremdenführer an, so genannte Goodwill Guides. Es sind Studenten oder weltgewandte Damen und Herren, die ihre Fremdsprachenkenntnisse aufpolieren und Kontakte zur nicht koreanischen Welt suchen. «Die Sprache kann ich nur mit Touristen üben», sagt Goodwill Guide Jay-Jay. Denn die wenigen Ausländer in Südkorea sind hauptsächlich Chinesen.

Reizüberflutung und Hundeleben

Ohne Goodwill Guide Jay-Jay wäre die Orientierung in Busan schwierig. Kaum eine Strasse ist angeschrieben, kaum ein Mensch spricht Englisch. Die fremden Schriftzeichen und die Menschenmenge überfordern das westliche Aufnahmevermögen. Unterwegs erzählt Jay-Jay vom koreanischen Alltag: Die Minihunde, die in vielen Schaufenstern angeboten werden, gelten bei den Jungen als hip. Ältere Einheimische würden nie so ein Tier kaufen, bei ihnen landet ein Hund eher auf dem Teller. Kulturwandel. Aber keine Angst: Restaurants servieren kaum Hundefleisch. Südkorea will modern sein. Auch punkto Infrastruktur. Im ganzen Land entstehen Hotels nach westlichem Standard. Faszinierend sind dabei die Kontraste: Auf kleinster Fläche befinden sich hochtechnologisierte Grossstädte und einfache Dörfer. Industrie ist auf der Reise in Zug und Bus kaum zu sehen; Reisfelder und Berge prägen das Bild. Im Grün verbergen sich Klöster. Viele befinden sich in Bergwäldern. Seit einem Jahr sind 30 davon für Gäste zugänglich, für einen Tag oder mehrere Nächte. Temple Stay heisst das Programm und läuft zum Beispiel im Beomeosa-Tempel bei Busan.

Hotels Busan

Nongshim Hotel BusanNongshim Hotel Busan *****
Das Hotel liegt nur ein paar Minuten vom Flughafen Kimhae und dem internationalen Schiffsterminal von Busan entfernt und ist der ideale Ausgangspunkt, um berühmte Orte in der Umgebung zu besichtigen - darunter die Mauer der Bergfestung Dongnae, Bumuhsa und der Keumkamg Park.
Die modernen, komfortablen Zimmer sind elegant und mit viel Liebe zum Detail eingerichtet. Genießen Sie einen angenehmen Aufenthalt im Nongshim.

Gebete und türkis Telefonkabine

Eine Stunde Fahrt vom Stadtzentrum, und schon ist alles anders: Statt blinkender Reklamen, sechsspuriger Strassen, Shoppingmalls und Fischmarkt gibts hier 100 buddhistische Mönche und viel Ruhe. Andacht. Besinnung. Mit den Gästen wollen die Buddhisten ein wenig Geld verdienen. Dafür ermöglichen sie ihnen Einblick in ihren Glauben, der seit dem vierten Jahrhundert Teil der koreanischen Kultur ist. Abends, wenn die Tagesausflügler das Tempelgelände verlassen, scheinen die riesigen goldenen Buddhafiguren im weichen Licht zu zerfliessen. Um sechs Uhr trommelt ein Mönch auf dem Hauptplatz zum Abendgebet - und nur wenige Schritte entfernt die Verbindung zur Welt: Eine türkisfarbene Telefonkabine steht bereit für Gespräche mit den Lieben ausserhalb der Tempelwelt von Beomeosa.

Das Essen im Kloster ist einfach und traditionell. Freiwillige Helferinnen schöpfen Kimchi (fermentierter, gewürzter Kohl), Reis, Algen und Suppe aus Töpfen. Die Mönche sitzen unter Neonlicht in einem kasernenähnlichen Raum. Beim Essen fällt kein Wort, reden gilt als unhöflich. Dafür

schwebt während der sternenklaren Nacht Gemurmel und Singsang über dem Areal. In der Morgendämmerung wird es übertönt von Grillen und Vögeln. Ein Falter sitzt auf dem Fensterrahmen, die Sonne blitzt golden durchs Laubwerk der Bäume.

Dschingis Khan und U-Bahn-Schlunde

Auf der Weiterreise singt der Taxifahrer, nein, er brüllt, Schlager, unter anderem den Dschingis-Khan-Song; Koreaner lieben das Singen. Der Mann versteht kein Wort Englisch. Auch das «Free Interpreter»-System kennt er nicht, das Bahnhoffoto, das ich zeige, aber schon. Nach einer Viertelstunde sind wir da - weit weg sind Kontemplation und Stille des Tempels.

Im Zug nach Seoul hängen Flachbildschirme: Englischkurs auf Koreanisch. Draussen fliegen Felder, Wälder, Hochhaussiedlungen vorbei. Frisst sich die Natur in die Stadt oder die Stadt in die Natur? Seoul jedenfalls verleibt sich einen Grossteil des Landes ein: Rund ein Viertel der Koreaner lebt hier. Doch selbst in dieser Megacity reihen sich im Zentrum hölzerne Garagenschuppen aneinander. Sie dienen als Werkstätten, sind voll gestopft mit Kabeln, Maschinen und Werkzeugen. Daneben ragen Skyscraper mit bläulicher Glasfassade in den Himmel. Frauen in traditionellen Kleidern kauern vor McDonald’s oder Starbucks am Boden und stäbeln Nudelsuppe aus dampfenden Schüsseln. Alte spielen Schach in den Parks, während Junge mit Handy am Ohr in die U-BahnSchlunde strömen. Noch immer spielen die konfuzianischen Werte - Respekt vor Älteren oder Rollenteilung zwischen Mann und Frau - eine wichtige Rolle. Seoul vibriert zwischen gestern und morgen.

Nachts bräuchte Seoul keine Strassenbeleuchtung: Abermillionen von Leuchtreklamen und blinkenden Digitalschriften machen das Dunkle hell. Und nur wenige Kilometer nordwärts die Grenze. Dahinter Nordkorea. Eine andere Welt.

 

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