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Zwei Stunden bedingter Stille in Shanghai

Frühmorgens zwischen sechs und acht Uhr zeigt Shanghai sein menschliches Gesicht.

Von Hans Gasser

Jeden Morgen um sechs geht der Vogelhändler Fan Xinglong in den Huo-Shan-Park, hängt den Bambuskäfig mit seiner fetten Amsel in einen der Bäume, setzt sich auf eine Bank und beisst zum Frühstück in einen frittierten Reisfladen. Seine Freunde sind auch schon da, jeder hat einen Vogel aufgehängt, insgesamt ein gutes Dutzend. Die Amseln singen derart schrill gegeneinander an, dass man kaum sein eigenes Wort versteht.

Eigentlich, erklärt Herr Fan, gehe es nicht ums Singen, sondern ums Kämpfen. Zur Demonstration werden zwei Käfige eng nebeneinander gestellt. Durch die weit auseinander stehenden Gitterstäbe hacken die männlichen Amseln aufeinander ein, so lange, bis eine aufgibt und sich in die Käfigecke verdrückt. Wer auf den Verlierer gesetzt hat, hat Pech gehabt. Denn natürlich wird um Geld gespielt. Allerdings nicht hier und heute, erklärt Herr Fan, das wäre dann doch zu offen für etwas, was eigentlich verboten ist.

Tai Chi im Morgengrauen

Rundherum herrscht im zentrumsnahen Park derweil seltsam friedliches Treiben: Mehrere Seniorengruppen haben sich in Formation aufgestellt. Die einen führen Tai-Chi-Bewegungen aus, die anderen lernen unter Anleitung eines Tanzlehrers Foxtrott und Cha-Cha-Cha. Wieder andere turnen synchron mit einem roten Tuch in jeder Hand zu chinesischer Musik, die aus einem alten CD-Spieler scheppert. «Oma-Disco» nennen jüngere Stadtbewohner diese weit verbreitete Morgengymnastik; sie sind um diese Zeit bereits auf dem Weg zur Arbeit. So erwacht Shanghai, die 20-Millionen-Stadt. In den Stunden zwischen sechs und acht tun die Menschen so, als gäbe es die Tausenden Hochhäuser nicht, den alles verpestenden Verkehr, die nie zur Ruhe kommenden Bauarbeiten.

Hotels Shanghai

Broadway Mansion Hotel Shanghai   ****
Das Broadway Mansion Hotel Shanghai liegt in Shanghais Innenstadt am nördlichen Ende der Waibaidu Brücke, so dass sich ein schöner Blick auf den Huangpu Fluss bietet. Die eleganten Zimmer sind geräumig und modern ausgestattet. Das Hotelrestaurant genießt bis weit über die Stadtgrenzen hinaus einen hervorragenden Ruf für seine ausgezeichnete chinesische Küche. Geschäftsreisenden stehen auf Wunsch gut ausgestattete Konferenzräume zur Verfügung.

3,8 Quadratmeter Grünanlagen sollen hier auf jeden Stadtbewohner kommen, unglaubwürdig diese Zahl, wenn man bedenkt, dass es allein in der Innenstadt etwa 2400 Hochhäuser gibt. Jeden Tag entstehen neue, grossteils in reiner Handarbeit errichtet von drei Millionen Wanderarbeitern, die vor der ländlichen Verarmung flüchten. Hier im Viertel Hongkou gibt es immerhin noch einige Strassenzüge mit zweistöckigen Backsteinhäusern. Sie stehen unter Denkmalschutz. In ihnen wohnten die 20 000 Juden, die Ende der Dreissigerjahre vor den Nationalsozialisten hierher geflohen waren. Shanghai verlangte damals kein Visum und keinen Pass. 1943, als die Japaner die Stadt besetzten, wurde den jüdischen Flüchtlingen zwangsweise Hongkou als abgegrenztes Wohnviertel zugewiesen. «Klein Wien» wurde das Viertel damals genannt, doch von den Kaffeehäusern und Theatern ist nichts mehr zu sehen. Es gibt noch eine kleine Synagoge, und im Huo-Shan-Park, der genau in der Mitte des ehemaligen Gettos liegt, erinnert ein Gedenkstein an die Menschen, die sich nach dem Krieg wieder in alle Himmelsrichtungen zerstreuten.

Fahrrad flicken nach der Nachtwache

Schauen, drauflosgehen, dem Treiben zusehen. Kaum woanders ist dies lohnender als im quirligen Shanghai. Und am besten eignen sich dazu die Stunden zwischen sechs und sieben, spätestens acht, wenn die Autos noch nicht so dröhnen und die Menschenmasse überschaubarer ist. Die Sehenswürdigkeiten liegen dann förmlich auf der Strasse: Alte Männer sitzen in halb antiken Coiffeurstühlen auf dem Trottoir und lassen sich von Strassenbarbieren unter freiem Himmel die Haare schneiden und mit scharfen Rasiermessern die weissen Bartstoppeln entfernen. Oder man trifft den Fahrradmechaniker Herr Zhou. Unter einem gelb-roten Kodak-Schirm, der als Sonnen- und Regenschutz dient, hat er seine Strassenwerkstatt eingerichtet: eine rostige Blechkommode mit Werkzeug, ein paar Reifen und Schläuche. Herr Zhou, etwa 35, hat ein junges, gebräuntes Gesicht und steckt in einem Mao-grünen Arbeiteranzug. Dazu trägt er weisse Markenturnschuhe. Mit ein paar flinken Handgriffen flickt er einen Platten, ohne das Rad abzunehmen. Umgerechnet 30 Rappen kostet das, halb so viel wie ein Topf Nudelsuppe. An guten Tagen, sagt Herr Zhou, kann er umgerechnet 12 Franken verdienen. So viel, wie ein Weizenbier in einer der fünf bayrischen Gaststätten der Stadt kostet. Seit acht Jahren macht er das. Nachts arbeitet er als Nachtwächter für eine Wohnstrasse - im Nachtwächterhäuschen kann er auch ein paar Stunden schlafen. Mit dem Lohn ernährt Zhou seine Frau und seinen Sohn auf dem Land, die dort als Kleinstbauern sonst nicht überleben könnten.

Frisch ist, was eben noch gelebt hat

Auf den vielen Bauernmärkten in der Stadt boomt bereits frühmorgens das Wirtschaftsleben. Allerdings eines, das wenig mit den Glanzfassaden drum herum zu tun hat. Meist direkt auf der Strasse wird hier neben Gemüse aller Art, frisch gemachten Nudeln oder in Sojasauce eingelegten Eiern vor allem eines verkauft: Fleisch.

Da dem Shanghaier nur als wirklich frisch gilt, was eben noch gelebt hat, werden Hühner, Enten, Fische, Krebse lebend angeboten. Die Fische in niedrigen Plastikwannen vegetierend. Die Enten mit gefesselten Beinen todgeweiht vor sich hin dösend. Die Hühner in kleinen Käfigen, nur befreit, um ihnen die Kehle durchzuschneiden. Beim Rupfen wird besonders auf die gründliche Reinigung der Hühnerfüsse geachtet. Gekocht und scharf gewürzt, gelten sie als Knabberspezialität, gerne genossen zu Bier und Fernsehen.

Der Tod im Kloster kurz nach sieben

Nicht weit entfernt vom Markt geht es um den menschlichen Tod. Der Xiai-Hai-Tempel in Hongkou kurz nach sieben. Sechs junge, kahl geschorene buddhistische Nonnen hocken in einer Nische im Singsang ihrer Gebete und wippen mit den Oberkörpern.

Im Tempelhof sitzen ein paar alte Frauen. Sie falten kleine Bötchen aus Silberpapier und füllen damit grosse Papiertüten. Die Frauen sind in Trauer, jemand aus der Familie ist gestorben. Die Bötchen symbolisieren Geld und werden hinterher im Tempelhof verbrannt. In Rauchform, so der Volksglaube, steigen sie auf zu den Toten im «Himmelsparadies». Die brauchen das Geld nicht nur, um einzukaufen oder um es im Vogelkampf zu verwetten. Sie brauchen es - da herrscht allgemeiner Konsens - vor allem, um die kleinen und grossen Beamten zu schmieren, an denen da oben bestimmt so wenig Mangel herrscht wie auf der Erde.

 

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