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Jenseits von Altstädter Ring und Kleinseitner Ring liftet sich die
tschechische Hauptstadt zur styligen Design-Schmiede. Einst Verstaubtes wird
durchgelüftet.
Models im Mausoleum? Die Marmorgruft der gewesenen KP-Chefs und
Politbürobonzen hat sich für ein kurzes Herbstwochenende in den skurrilsten
Catwalk der Modewelt verwandelt. Fließendes Silbergrau ist angesagt im
Blitzlichtgewitter. Gnadenlos klappern die Absätze der Mannequins auf dem kalten
Stein. Tiefer unten kriecht molliger Nebel in die Falten der Stadt. Das
Mausoleum, das sich Topmodel Tereza Maxowa und Klara Nademlynska, Prags jüngster
Mode-Geheimtipp, zur Präsentation einer Benefiz-Show ausgesucht haben, ist
typisch für die vielen Gesichter der Stadt.
Das meint auch Klara, die im nahen "Café Savoy" über die Metamorphosen an der
Moldau erzählt und darüber, wie ihre zwei Lehrjahre in Pariser Studios hier auf
fruchtbaren Boden fielen. Neue Wege beschreitet auch das Café: Verschwunden ist
der alte Steinboden! Dahin sind die Thonet-Möbel! Wie weggeblasen ist das Aroma
von Bohne & Bohemien! Jetzt stapeln sich an der Prager Kleinseite dekorative
Austernschalen hinter einer verglasten Sideboardwand und Licht-Spots zaubern
effektvoll den Schriftzug "Savoy" an die Wand. Barhocker im schlichten
90er-Jahre-Look bringen einen Hauch von Mailand an die Moldau.
Die Wandlung des "Savoy" und Erfolge wie jener der Klara Nademlynska kommen
freilich nicht allein - schon gar nicht auf weiter Prager Altstadtflur. Die
regelrechte Schwemme an verrückten Ideen, stilistischen Extravaganzen und
trendigen Lokalen offenbart sich auch dem allerflüchtigsten Besucher auf Schritt
und Tritt. Leicht unterkühlt, wie man es von den Schickeria-Biotopen zwischen
Sydney und New York kennt, präsentieren sich Boutiquen, Restaurants und Clubs
des neuen Prag hinter dem Judenviertel und südlich der Altstadt: Kenzo, Dior,
Bugatti - alles da! Dazu Moët-Champagner auf langen, neon-gefluteten Tresen. In
den Designerlokalen herrscht die obligate Verbeugung vor der beliebten
Hormon-Farbpalette pastelliger Töne. So sehen angesagte Hütten wie das "Dynamo",
das "Pravda" oder das "H2O" aus. Das Beste daran: Touristen verirren sich eher
selten dorthin - im viel besuchten Prag ein eher rares Privileg.
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Best Western Meteor Plaza Hotel Prague ****
Das
ursprünglich aus dem 14. Jahrhundert stammende Hotel wurde kürzlich
renoviert. Es liegt nahe am Stadtzentrum am Beginn der berühmten Königlichen
Straße, die durch die Altstadt mit allen schönsten Sehenswürdigkeiten Prags
führt. Auch zum Business-Viertel sowie zu Einkaufsmöglichkeiten ist es nicht
weit. Den Wenzelsplatz erreichen Sie zu Fuß. |
Prager Frühling neu interpretiert
Aber dafür sitzt Architekt Michael Fronek vor den mintgrünen Wänden des
preisgekrönten "Dynamo" und blickt streng durch die dicke, schwarz geränderte
Brille auf sein Interior-Baby. Heute würde Fronek dem von ihm entworfenen Lokal
ein anderes Outfit verpassen. "Weg vom coolen, spacigen Trend. Eher denke ich an
etwas, das mehr zu Prag passt." Eine Mischung aus abgehobener Raffinesse und
augenzwinkernder Bodenständigkeit böte sich an.
Das suggeriert zumindest ein Blick in die Schaufenster der Galerien. Mit
Bleikristall-Aschenbecher-Tristesse und Bierkrug-Dümpelei haben diese Stilblüten
eines neuen Prager Frühlings ganz und gar nichts am Hut: Stattdessen erinnern
Eierbecher in Handgranatenform an die sanfte Überwindung der jüngeren
Vergangenheit. Daneben stehen weiße Porzellanstiefel im Stil der ehemaligen
Soldateska stramm - um freundlicherweise als Blumenvase zu dienen.
Prags boomende Kulturszene pendelt geschickt zwischen exotischem
Underdog-Flair und dem soliden Background einer mitteleuropäischen
Kulturmetropole. In die kulturelle Goldgräberstimmung fügt sich auch die
Architektur ein. Baukunst-Freaks erfreuten sich eben noch an der
Wiederentdeckung des eckigen Charmes des Prager Kubismus, da überflog US-Star
Frank O. Gehry die Moldau-Metropole und ließ am Moldau-Ufer das spektakulär
verbogene "Tanzende Haus" zurück, ein neues Wahrzeichen der Stadt. Schräg
vis-à-vis eröffnete wiederum das moderne Kampa-Museum, in dessen Glasflächen
sich Alt-Prags Uferzeile spiegelt.
Einblicke ins Seelenleben der Moldau-Metropole bietet hingegen die billigste
Stadtrundfahrt. Sie kostet zwölf Kronen (circa 38 Cent) und dauert genau 68
Minuten. So lange braucht die Straßenbahnlinie 22, um die Stadt zu durchqueren.
Und das in ihrer ganzen Bandbreite vom grauen Plattenbau-Milieu der östlichen
Vorstädte bis hin zum goldenen Boden. Drinopol, Koh-i-noor oder auch nur Vypich
heißen die einzelnen Stationen, in Summe reihen sie sich zum Spiegel der Stadt.
Nicht nur wegen des Gedränges der Generationen und der sozialen Schichten im
Innern der Wagons, diesem Tête-à-Tête von proletarischem Wasserstoffblond und
beamteter Bierbäuchigkeit, sondern auch wegen der draußen vorüberzuckelnden
Bilder. Rußgeschwärzte Häuser und Überreste dörflicher Vorstädte zählen dazu.
Ebenso wie die Barockpaläste und Türme der ehemaligen Monarchie oder das sanft
glitzernde Moll der Moldau, die von der 22er auf der Legionenbrücke gequert
wird.
Karlsbrücke, Clubbing und Absinth
Des Öfteren auszusteigen und sich inmitten von Prags Alltag und Pracht die
Beine zu vertreten lohnt dabei in jedem Fall. Am schönsten tut man das entlang
dem touristischen Rückgrat, der fabulösen Karlsbrücke. In der Dämmerung und erst
recht im weichen Nebeldunst machen deren Silhouetten die 600-jährige Brücke zum
schönsten Laufsteg der Welt.
Keine Frage: Diese Stadt putzt sich gekonnt. Ohne je überschminkt oder gar zu
Tode restauriert zu wirken. Das sieht man auch den weiter nördlich gelegenen
Altstadtgassen mit ihrem intakten Straßenpflaster an und erst recht den
prachtvollen Häusern mit den markanten Wappen wie goldenen Lämmern, blauen
Hechten und blassgelben Karpfen, die noch im späten 18. Jahrhundert als Adresse
dienten. Um einen goldenen Boden handelt es sich dabei auf jeden Fall: Die Shops
der internationalen Labels verteilen sich in gleichmäßiger Dichte über die
patinierten Häuserfronten, Fundgruben fürs Aufstocken des Familiensilberschatzes
und solche zum Aufstöbern von schrägen Second-Hand-Klamotten halten sich dabei
die Waage.
Wo man die am besten trägt, das verrät mir Liquid A, einer von vielen Prager
Szene-DJs. Ich treffe ihn im "Slavia", wo er auf Skyleder-Bezügen herumhängt.
Bulliger Glatzkopf, rote Augen, schwarze Nierenringe, goldenes Herz. So sieht
der Typ aus. Und hinter ihm erscheint ein grüner Geist in Form einer
durchsichtigen Frau, allerdings nur auf Viktor Olivas Gemälde "Der
Absinthtrinker". Das Bild zeigt einen Mann im Café, der zu viel Absinth
getrunken hat. Liquid A - ein Nachttrunkener im Dauerstress: "Too many new clubs
in town" - kann noch ein Gläschen vertragen, immerhin ist das "Slavia" berühmt
für den 75-prozentigen Likör aus Beifuß, Fenchel und Anis.
Das "CML" liegt in der Blahnikowa-Straße 8, im Herzen eines Arbeiterviertels,
gut 15 Gehminuten vom Wenzelsplatz weg. Untertags hat man vom 216 Meter hohen
Fernmeldeturm den schönsten Blick auf Moldau und Hradschin. Nachts taugt die
Gegend zum Panoramablick auf die Nightlife-Szenerie der City. Coolness nach
Modepuppen-Art findet man an anderen Orten. Im High-Society-Club "Radost FX", wo
der Czech-Schick der 80er angesagt ist. Oder im "Roxy" in der jüdischen
Josefstadt, Prags bekanntestem Club, der mit Live-Acts und einer Tanzfläche für
über 1.000 Prager Partysanen und Soundgeschmäcker von Techno bis Zen aufwartet.
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