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Ein verlumpter König und ein tauber Schweizer hielten sich einst in Nancy
auf. Die Stadt in Lothringen bietet Delikatessen und erstaunliche
Geschichten.
Von Ester Elionore Haldimann
Nancy? Wer weiss was von Nancy? Die Stadt ist höchstens dank dem
Fussballer Michel Platini ein Begriff, dessen ehemaliger Klub nun nach
unscheinbaren Jahren wieder in die erste Division aufsteigt. «Nancy ist
wunderschön», behauptet ein kultivierter Freund vor meiner Abreise. Er
spricht von einem gewissen Stanislas. Nicht gerade ein französisch
klingender Name.
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Albert
1st-Astoria Hotel Nancy **
Das "Albert 1st - Astoria" befindet sich direkt im Stadtzentrum, unweit des
Bahnhofs Saint-Leon. Das ruhige, freundliche Hotel liegt nahe der
Kongresshalle, der Altstadt und dem Stanislas-Platz.
Das Hotel bietet komfortable Zimmer mit Blick auf den Innenhof oder den mit
Blumen bewachsenen Patio. Im Restaurant werden köstliche Gerichte serviert.
Darüber hinaus bietet das Hotel einen Konferenzraum für Geschäftsreisende. |
Vor Ort erklärt Stéphane Simon im Tourismusbüro, Stanislas habe die
Altstadt und die Neustadt vereint. Ich müsse unbedingt an den Platz, der
seinen Namen trage und nun neu eröffnet werde. Zuerst brauche ich einen
Kaffee zur Stärkung. «Der Platz der Cafés befindet sich vorne links»,
erklärt die Zigarettenverkäuferin in der verschlafenen Altstadt. Das Zentrum
von Nancy ist nicht gross; in zwei Minuten bin ich da. Mehrere Cafés haben
Stühle draussen. Die Terrasse im gar nicht französischen Pinocchio ist trotz
der kühlen14 Grad voll besetzt. Die Place Stanislas könne ich nicht
verfehlen, meint der Kellner freundlich: «Immer geradeaus die Grande Rue
entlang.» Die schnurgerade Strasse stammt aus dem elften Jahrhundert. Die
dreistöckigen Häuser mit ihren zahlreichen hohen Fenstern weisen allerdings
die typische Architektur des 18. Jahrhunderts auf. Nur ein Stadttor und die
Fassade des ehemaligen Herzogpalastes sind aus dem späten Mittelalter
erhalten geblieben; von der angeschwärzten, gothischen Fassade spähen
Krokodile und Echsen herunter.
Die kleine Schwäche von Stanislas
Auf dem Weg zu Stanislas locken in einer Bäckerei köstliche Gugelhöpfe.
Eine Spezialität «nancéienne»? «Meine Spezialität», betont Bäckerin Colette.
Als hiesige Besonderheit gibts die weltberühmten Quiches Lorraine, doch
Colette packt mir ein paar Madeleines visitandines ein und meint
verschmitzt: «Sie waren Stanislas’ kleine Schwäche.» Das Mandelgebäck
schmeckt vorzüglich, und dieser Mann mit osteuropäischem Namen macht mich je
länger, desto neugieriger.
Endlich stehe ich auf der Place Stanislas. Welche Pracht! Welcher Prunk!
Französischer könnte der Platz nicht sein; Barock und Rokoko, so weit das
Auge reicht. Paläste im Stil Louis XV begrenzen den Platz: das Hôtel de
Ville, das Grand Hôtel, die Opéra. In der Mitte hebt Stanislas belehrend den
Finger gen Himmel. «Stanislas le bienfaisant» steht darunter. Warum war er
ein Wohltäter? Er habe Spitäler für die Armen gebaut, weiss ein Passant.
Nette Kellnerin lüftet das Geheimnis
Im ersten Stock des Restaurants Foy empfangen mich zwei nette
Kellnerinnen in schwarzem Tailleur. Von meinem Tisch aus schweift der Blick
über den ganzen Platz. Nein, Spezialitäten aus Nancy führten sie keine,
bedauert die Kellnerin. Sie könne zum fünfgängigen Menü jedoch einen
hiesigen Wein vorschlagen, den Côtes de Toul gris. Er schmeckt bissig und
herb. Dafür vergeht die sämige Muschelsuppe auf der Zunge. Zwischen den
Gängen zeigt mir die Kellnerin alte Stadtpläne. Doch wer war Stanislas? «Ein
Pole, wie mir scheint.» Sie legt einen Prospekt auf den Tisch. Jetzt ist
alles klar: Stanislas Leszczynski, König von Polen, wurde Anfang 18.
Jahrhundert von August von Sachsen aus Polen verjagt. Stanislas war der
Vater von Marie Leszczynski, Gattin von Frankreichs König Louis XV. Dieser
wurde also zum Schwiegersohn eines verlumpten Königs. Und so gab er
Stanislas das Herzogtum von Lothringen zur lebenslänglichen Nutzniessung. Zu
Ehren seines Schwiegersohns liess Stanislas darauf den prächtigen, zuerst
nach Louis XV und seit der Revolution nach ihm benannten Platz bauen. «Er
und das halbe Herz der Marie liegen in einer Kirche in der Neustadt
begraben», erzählt die Kellnerin.
Liebe Türsteher und gähnende Leere
Inzwischen ist es Mitternacht. Unten auf dem stillen Platz weiss ein
junger Mann, wo sich die Jugend amüsiert: «Gleich da vorne, im La Place.»
Die beiden korpulenten Türsteher in Lederjacken lassen mich problemlos
hinein. Einmal drinnen, wird klar warum: Die Bar im ersten Stock ist gähnend
leer. Die Gäste würden schon noch kommen, behauptet der Barmann. Ich sei zu
früh. Nancy zählt 300 000 Einwohner, davon 80 000 Studenten. Entweder bin
ich in der falschen Bar, oder alle anderen sind so müde wie ich.
Die Wiege des Jugendstils
Am nächsten Morgen scheint die Sonne. Verknorrte Buchen wachsen in Reih
und Glied entlang der Carrière, wo im 16. Jahrhundert Pferde trabten. Jetzt
singen Amseln auf Dachgiebeln. Drüben in der Neustadt steht an der Rue
Saint-Dizier eine populäre Markthalle. Ich kann nicht anders: Da muss ich
hin. Kartoffeln, Zwiebeln, Kabisköpfe und angerüstete Fenchel liegen
kunstvoll aufgetürmt zum Kauf bereit. Selbst die Rhabarber komme aus der
Umgebung, erzählt Markthändler Hussein, ein Türke, der gerne plaudert. Doch
ich muss weiter. Sein Tipp? «Die Jugendstilfassaden an der Rue Félix Faure.»
Als die Deutschen 1870 das Elsass und Lothringen eroberten, flüchteten viele
Künstler und Industrielle ins französisch gebliebene Nancy. Die Stadt
erlebte eine Blütezeit. Sie verkauft sich heute gerne als Wiege des
Jugendstils. Die Rue Félix Faure ist mir zu weit entfernt. Wenn ich
Jugendstil suche, müsse ich ins Musée de l’Ecole de Nancy, empfiehlt eine
Kioskverkäuferin. Pech: Die Museen sind am Dienstag geschlossen. Die Maison
Bergeret sei auch nicht ohne und befinde sich ganz in der Nähe, rät jemand.
Also noch ein Versuch. Eine halbe Stunde später die Belohnung: Märchenhafte,
gerundete Fenster, farbige Motive, Dachfenster mit Giebeln, die über das
Dach hinausragen - ein Jugenstilhaus in schönster Vollendung. Auf dem Weg
zurück ins Zentrum, im Bus, empfiehlt eine Frau die einzige
Jugendstil-Brasserie, die den Ersten Weltkrieg überlebt hat. Das Excelsior
trägt seinen Namen mit Würde: Lichter, Spiegel und orange Deckenwölbungen.
Von Ziegenkäse bis Glaskunst
Man komme hierhin, um zu sehen und gesehen zu werden, erzählt ein Gast
und empfiehlt als Spezialität die Lothringer Ziegenkäseschnitte. Der
vielleicht Fünfzigjährige schwärmt von der sagenhaften Glassammlung der
Daum-Manufaktur im Musée des Beaux-Arts. Doch auch dieses Museum ist
geschlossen. Eine mitleidige Sekretärin begleitet mich schliesslich in den
Keller. Hier sieht man in brandneu renovierten Sälen 400 Vasen und andere
Gläser in Jugendstil, Art déco oder Pop. Die übrigen Säle des Museums kann
ich an diesem Ruhetag nicht besichtigen. Dafür erzählt mir Stéphane Simon
vom Tourismusbüro eine erstaunliche Geschichte: Im Kunstmuseum hänge «Die
Schlacht von Nancy» von Eugène Delacroix. Das Gemälde zeigt einen Schweizer
Söldner, der 1477 Karl den Kühnen, Herzog von Burgund, erstach. Der Söldner
sei taub gewesen, erzählt man sich, denn alle anderen hätten gewusst, dass
man den Herzog nicht persönlich angreift. Die Burgunder jedenfalls zogen
erschrocken ab, Nancy wurde zur Hauptstadtdes Lothringer Herzogtums, und das
Burgund fiel der französischen Krone zu.
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