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Eine Fahrt über den Bosporus gehört zu dieser Metropole wie die Hagia
Sofia. Mit dem traditionellen vapur, der Fähre, entdeckt man die Stadt auf
besonders authentische Weise. von Iris Alanyali
Wir
werden Ungeheures wagen. Wir wollen über
Istanbul schreiben, und zwar über
Istanbuls schönste Seite, wir wollen von Istanbuls Brücken, Ufern und Inseln
erzählen - aber das Bild von der "Brücke zwischen Orient und Okzident"
wollen wir kein einziges Mal heraufbeschwören. Denn uns geht es um das Leben
mit und am Wasser als wichtigem Teil des Istanbuler Alltags. Und erzählen
Sie mal einem Pendler, der täglich in seinem Auto oder im Bus eingequetscht
zwischen gefühlten drei Millionen weiteren Pendlern auf einer der beiden
Brücken über den Bosporus festsitzt, er sei im Namen der Völkerverständigung
unterwegs.
Der Tourist mag noch so romantisch glotzen - das erste, was den
Istanbulern zu ihrer Stadt einfällt, ist immer: Sie ist laut, sie ist voll,
sie ist eng. Weswegen ihre Bewohner schon aus therapeutischen Gründen den
Blick aufs Wasser benötigen. Und mit Wasser ist immer der Bosporus gemeint.
Vielleicht, weil bei Moslems allein fließendes Wasser als reines Wasser
gilt? Das Goldene Horn jedenfalls, die Meerenge, die in den europäischen
Teil ragt, war jahrhundertelang der stinkende Abfalleimer der Stadt und wird
diesen Ruf einfach nicht los. Zwar wurden jetzt an seinen Ufern Parks
eingerichtet, und die neue Galatabrücke gewann den Zuschlag auch deshalb,
weil ihre Konstruktion einen besseren Wasseraustausch mit dem Bosporus
ermöglicht - aber angenommen haben die Istanbuler weder die sterilen
Grünanlagen noch das Betonungetüm. Die Nostalgiker unter ihnen benutzen zum
Überqueren des Goldenen Horns vielmehr besonders demonstrativ die privat
betriebenen Ruderboote oder die uralten Fähren. Ihre großen Schwestern, die
zwischen Asien und Europa kreuzen, sind das beste Beruhigungsmittel, das
Istanbul besitzt. Sicher, es gibt auch moderne, teure, klimatisierte
Schnellboote. Die sind für die Manager und ihre Laptops. Ein echter
Istanbuler nimmt ein vapur. Die Fähren sind laut, lahm und sie stinken. Die
Fähren sind wunderbar. Die Jetons, die an den Anlegestellen in die
Drehkreuze gesteckt werden müssen, kosten nur ein paar Cent und versprechen
die besten Aussichten, die man auf die Stadt und ihre Bewohner haben kann.
Denn hier ist die vermutlich einzige Gelegenheit, die Einheimischen in
schweigendem, lesenden, dösenden Zustand zu Gesicht zu bekommen. Die
Überfahrt ist eine Auszeit, die der Istanbuler sich von seiner Stadt nimmt,
die sonst an ihm zerrt wie eine Horde hungriger Mäuler. Und nach wenigen
Tagen weiß das auch der Besucher zu schätzen. Sie müssen sich nicht wie die
alten Hasen nach drinnen verziehen. Setzen Sie sich auf die Holzbank, die im
Erdgeschoß außen am Schiff entlangläuft. Denken Sie dabei an den Stand der
Sonne und daran, sich einen Platz zwischen den Fenstern zu sichern, wo man
sich anlehnen kann. Kaufen Sie dem umhereilenden Kellner ein Glas Tee ab.
Und dann lehnen Sie sich zurück und genießen die Stadt und ihr Meer.
Wer mehr Stadt will, dem sei Ortaköy empfohlen, das Szeneviertel am
europäischen Fuß der Bosporusbrücke. Hier gibt es Handwerksstände für die
Touristen und Plattenläden für die Studenten. Am Ufer, zwischen der
schmucken kleinen Moschee und der winzigen Anlegestelle, reiht sich ein Café
an das andere. Diejenigen mit Latte Macchiato und American cheese cake
breiten sich aus, aber bislang können sich die traditionellen Läden, wo
Szenecliquen ebenso wie stoppelbärtige alte Männer sich an wackeligen
Tischen zu Tee und Backgammon treffen, gut halten. Auf den Bänken am Wasser
sitzen Istanbuler Jung- neben anatolischen Großfamilien und betrachten beim
Eis die Flaneure, und wenn dann der Bosporus an die Mauern schwappt und der
Muezzin ruft und die Traditionscafés respektvoll ihre Musik aussetzen, dann
ist der Istanbuler Feierabend perfekt.
Die Aussicht auf das Meer bestimmt auch die Wochenendausflüge. Mit dem
vapur fährt man dann nach Kanlica, ein idyllischer Stadtteil, ein Dorf eher,
auf der asiatischen Seite in Richtung Schwarzes Meer. Ganz Istanbul kommt
hierher, um Joghurt zu essen. Den berühmten, besonders dicken Joghurt aus
Kanlica, der fast gelb ist vor lauter Sahne und in den orientalische Mengen
an Zucker gekippt werden, bevor man ihn unter den Platanen der Ufercafés
löffelt. Ein anderes beliebtes Ziel sind die Prinzeninseln, etwa eine Stunde
Fährfahrt entfernt. Hier stehen die prächtigen Holzvillen der christlichen
Kaufleute des Osmanischen Reichs, und noch immer nimmt die Istanbuler
Oberschicht hier Sommerresidenz, wohlverbarrikadiert hinter hohen Toren.
Draußen fällt an den Wochenenden der Rest Istanbuls ein. Zum Picknicken oder
Teetrinken. Eine Fahrt über den Bosporus, vielleicht im Abendlicht, versöhnt
mit dem kräftezehrenden Leben in Istanbul, auch dem des Touristen mit seinem
Spießrutenlauf durch die Teppichverkäufer und Restaurantbesitzer der
überfüllten Altstadt. Wer Istanbul besuchen will, der besichtigt die
Serails, Moscheen und Museen. Wer Istanbul erleben will, der bleibe dicht am
Wasser. Bars: Die edle Gazebo Bar im Ciragan Palace Hotel Kempinski
Besiktas, einem ehemaligen Sultanspalast. Trendig: Die Bar Liman Kahvesi
(Bahariye Caddesi, Kadife Sokak 37) sowie das Café Gatts (Istiklal Caddesi
Bekar Sokak 21). Hamam: Empfehlenswert ist der Cagaloglu Hamam
(www.cagalogluhamami.com.tr) mit Café, gibt es seit 300 Jahren.
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