|
| |
Die Letzten ihrer Art
|
| Languren - die bedrohten Affen Vietnams
Von Kristin Raabe |
Hier in den letzten verbliebenen Wäldern Vietnams sollen sie leben: Die
seltensten Affen der Welt. Versteckt im Geäst der manchmal tausend Jahre
alten Urwaldriesen. Nachts finden manche Unterschlupf in den Höhlen der
Felsen, die immer wieder die dichte Vegetation dieser Wälder durchbrechen.
Zwischen Zikadenlärm und Vogelgezwitscher verrät kein Laut ihre Anwesenheit.
Zu sehen bekommen wir sie erst recht nicht. Und das ist schade, denn zu den
Languren zählen die schönsten Affen der Welt. Ihr schlanker Körper ist von
einem meist außerordentlich fantasievoll gezeichneten Fell bedeckt. Die
Kleideraffen beispielsweise wirken mit ihrem weißen Gesicht beinah wie
Zauberwesen aus dem Wald. Tatsächlich umgeben die Tiere Rätsel, die
Wissenschaftler erst allmählich lösen. Dazu gehört auch die Entdeckung immer
neuer Langurenarten in Vietnam. Aber für die Erforschung dieser neuen Arten
bleibt nicht viel Zeit: denn meist existieren nur noch wenige hundert Tiere
Für
gefangene, misshandelte und verletzte Languren gibt es in Vietnam einen
Zufluchtsort.
Grundsätzlich, wenn Tiere hier neu ankommen gehen die
durch eine sechswöchige Quarantänezeit. Für die Neuankömmlinge sind hier
diese vier Einheiten, natürlich auch alles heizbar auf Generator, wir können
auch gewährleisten, das hier alles warm ist, das ist natürlich besonders im
Winter wichtig. Viele Tiere kommen eben aus dem Süden und im Winter wird es
hier recht kalt. Und dieser Temperatursturz in den Wintermonaten, da unten
hat es dann immer noch über 30 Grad. Hier oben haben wir dann unter zehn
Grad. Das ist natürlich fatal für die Tiere, die eh gesundheitlich
angeschlagen sind, Lungenentzündung kommt vor, ob es dann dort entstanden
ist, auf dem Transport entstanden ist, oder hier, ist natürlich schwer zu
rekonstruieren, es war aber schon verschiedentlich Todesursache.
Ulrike Streicher ist stolz auf ihre Tierklinik. In den Innenräumen blitzt
der Chirurgenstahl der medizinischen Geräte. Die Medikamente und
Betäubungsmittel stehen sauber aufgereiht in Regalen und Schränken. Alles
wirkt steril. Ein Kunststück, wenn man bedenkt, wo diese Tierklinik liegt.
Schon ein Blick durch die Fenster verrät: Wir befinden uns am Rande des
Dschungels. Und da wollte Ulrike Streicher immer schon hin. Die energische
Tierärztin mit den zurückgebundenen blonden Haaren arbeitet im Primate
Rescue Center, im Primatenrettungszentrum. Insgesamt 130 Affen aus ganz
Vietnam muss sie hier, am Rande des Cuc Phuong Nationalparks, medizinisch
versorgen. Sie alle stammen aus dem illegalen Tierhandel, wurden von
Forstbeamten konfisziert und dann in das Rettungszentrum gebracht. Gegründet
hat dieses in Asien einmalige Projekt der Deutsche Tilo Nadler. Anfang der
90er Jahre kam er nach Vietnam, um hier den wieder entdeckten
Delacour-Langur zu beobachten. Der gelernte Ingenieur für Klimatechnik weiß
inzwischen mehr über Languren als jeder andere:
Das Besondere ist, dass sie einen extrem langen Schwanz
haben. Sie haben ein ganz spezielles außerordentlich kompliziertes
Verdauungssystem. Sie haben einen mehrkammerigen Magen, so ein bisschen
ähnlich wie eine Kuh, bis zu fünf Kammern bei einigen Arten und dort werden
die Blätter eben fermentiert, damit sie als Nahrung aufgeschlossen werden
können. Und diese Nahrung ist eben sozusagen die Grundlage für ihr Überleben
und in vielen Zoos speziell in nordamerikanischen oder europäischen ist es
natürlich sehr kompliziert außerhalb des Habitates erstens die
entsprechenden Laubsorten und zweitens das ganze Jahr über zur Verfügung zu
stellen. Diese ganze Geschichte hat natürlich Einfluss auf die Reproduktion.
Das ist natürlich klar, wenn man ständig Bauchschmerzen hat, dann hat man
keine Lust mehr zur Liebe.
Und deswegen gibt es kaum Languren in Zoos. Ihr besonderer Magen und ihre
Vorliebe für Laub machen es auch Ulrike Streicher nicht immer leicht, ihnen
zu helfen. Wenn die Tiere bei ihr ankommen, dann sind sie oft von
unwissenden Tierhändlern mit Obst gefüttert worden. Die Forstbeamten, die
die Tiere konfiszierten, wissen es kaum besser. Das Obst zerstört die
empfindliche Magenflora der Languren - und das ist oft lebensbedrohlich.
Streicher:

Wir haben Überlebensraten um die 70 Prozent im besten
Fall. Schrecklich. Also letztes Jahr war ein sehr frustrierendes Jahr auch
für uns, wir hatten sehr viele Tiere, die in sehr schlechtem Zustand ankamen
und die dann nur noch einen Tag oder zwei Tage gelebt haben. Und das ganze
ist dann unheimlich frustrierend auch, die ganze Arbeit, man steckt
unheimlich viel Arbeit in die Tiere hinein, das fängt an, dass man sich um
die Beschlagnahmung bemüht, um die ganzen Papiere bemüht, dann dahin fliegt,
fährt, oft 24 Stunden mit dem Auto dahinrast, in aller Eile, dann unter
Diskussionen und Mühen die Tiere dort rausholt, und dann kriegt man sie
gerade noch bis hier auf den Hof und dann sterben sie doch, das ist dann
schon sehr frustrierend.
Gerade kämpft die deutsche Tierärztin um das Überleben eines jungen
Kleideraffen. Ängstlich hockt das Tier in der hintersten Ecke in einem
kahlen Raum der Tierklinik. An seinem Hals befindet sich eine Schwellung -
von der Kette, mit der es angekettet war. Trotzdem erträgt das Jungtier die
vorsichtige Untersuchung der deutschen Tierärztin. Das Abtasten des leicht
geblähten Bauches scheint das Weibchen irgendwie sogar zu genießen. Sollte
sie sich wieder erholen, dann landet sie in einem geräumigen und
abwechslungsreich gestalteten Außenkäfig des Rettungszentrums.
Mehr als zehn verschiedene Arten leben hier. Viele haben ein auffällig schön
gezeichnetes Fell. Der goldfarbene Cat-Ba-Langur und die schwarz-weißen
Delacour-Languren zum Beispiel. Viele dieser Arten kommen ausschließlich in
Vietnam vor. Dass dieses Land so ungewöhnlich viele einzigartige Affenarten
beherbergt, liegt an seiner Geographie: Lange Reihen von felsigen Bergen,
große Gewässer und Täler wechseln sich ab. Dadurch entstehen isolierte
Lebensräume, in denen sich die Tiere völlig unabhängig von der Außenwelt
entwickeln können. In den Tälern und Gewässern gibt es allerdings schon
lange keine unberührte Natur mehr. 80 Millionen Vietnamesen brauchen viel
Reis und Fisch. Lediglich die unzugänglichen Waldgebiete auf den
Karstformationen haben die Zerstörung durch den Vietnamkrieg und den Raubbau
im Anschluss an den Krieg halbwegs überstanden. Und genau dort befinden sich
die letzten Rückzugsgebiete der Languren. Tilo Nadler glaubt, dass sie eine
Chance haben dort zu überleben. Allerdings nur, wenn der Holzeinschlag und
die illegale Jagd aufhören.
Das zum Beispiel, das sind Cat-Ba-Languren, die hier
drin sind. Dahinten ist der Junge und die Mutter sitzt da oben, das ist also
die weltseltenste Primatenart, die überhaupt existiert. Es gibt vielleicht
noch 40 bis 60 Tiere, die existieren.
Cat Ba ist eine Insel in der Halong-Bucht. Und das ist
das einzige Vorkommensgebiet dieser Art. Es bestünde die Möglichkeit, da
noch was zu machen, zumal das Gebiet als solches erhalten ist und der
Jagddruck auch nun reduziert ist. Wobei es da zwei Hauptprobleme gibt. Das
eine ist die Zersplitterung der Population, also das Habitat ist intakt,
aber die einzelnen Gruppen innerhalb des Habitats sind soweit auseinander,
und jede Gruppe hat ja nun mal ihr Territorium, so dass sie eigentlich
keinen Antrieb haben irgendwo da irgendwo hin zu wandern. Wo sie sitzen,
haben sie genug zu fressen und freuen sich des Lebens, die sitzen da also
mehr oder weniger isoliert und das ist eine Gefahr, aus biologischem Grund
und die andere große Gefahr ist die Entwicklung Cat Bas zum
Touristenzentrum. Das hat inzwischen dazu geführt, dass im vergangenen Jahr
ein Teil des Nationalparks aus dem Nationalpark ausgegliedert wurde zur
Touristenentwicklung. Also man hat gesagt, das Stück Nationalpark gehört dem
Tourismus, da bauen wir jetzt sonst was hin, Hotels, Golfplatz, weiß der
Kuckuck, so und da hat natürlich der Sinn eines Nationalparkkonzeptes, der
ist damit natürlich verloren gegangen, also wenn man einen Nationalpark
irgendwann, wenn man braucht, eben auflösen kann oder da was raus schneiden,
dann ist die Frage wozu braucht man überhaupt einen Nationalpark.
Nach elf Jahren in Vietnam ist Tilo Nadler ganz schön frustriert. Im Laufe
der Jahre musste er mit ansehen, wie immer mehr Affen an den Rand des
Aussterbens gedrängt wurden. Dabei sieht die Naturschutzstrategie Vietnams
auf dem Papier eigentlich ganz gut aus. Aber es mangelt an der Durchsetzung
der Gesetze.
Innerhalb der Nationalparks und in ihrer näheren Umgebung leben vor allem
ethnische Minderheiten, von denen es in Vietnam über 50 gibt. Sie wohnen für
gewöhnlich in einfachen Stelzenhäusern, tragen oft noch ihre selbstgewebte
Kleidung, betreiben Reisanbau und halten einige Hühner und Schweine. Strom
und Telefon gibt es in kaum einem Minderheiten-Dorf und der nächste Arzt ist
meist einen stundenlangen Fußmarsch durch unwegsames Gelände entfernt. Der
Wald ist oft die einzige Möglichkeit, das Familieneinkommen aufzubessern.
Die lokale Bevölkerung ist sehr arm und natürlich ist
der illegale Holzeinschlag auch eine sehr gute Einkommensquelle und
natürlich geht es da auch um das Überleben der Familie, wo es zu
gewalttätigen Auseinandersetzungen kommt mit lokalen Rangern. Manchmal auch
mit kleinen Holzbetrieben. Wir haben ja nicht so die Probleme von großen
Holzkonzessionen wie in Malaysia oder Indonesien. Es ist ja wirklich mehr
eine Problemlage auf der lokalen Ebene. Schon anders. Wir haben keine großen
Firmen, die jetzt korrupt sind oder illegalen Holzeinschlag betreiben,
sondern es ist wirklich sehr stark basierend auf der Armut vor Ort. Aber das
Problem, da sind natürlich überall auch Funktionäre und Regierungsbeamte,
die die Augen schließen und eben korrumpierbar sind.
Frank Momberg kam vor sechs Jahren nach Vietnam, um für die
Naturschutzorganisation Flora und Fauna International, kurz FFI, einige
Projekte durchzuführen. Heute ist er der Direktor der Südostasienabteilung
von FFI. Seiner Erfahrung nach sind die ethnischen Minderheiten auf dem Land
zwar sehr arm, aber dem Naturschutz gegenüber durchaus aufgeschlossen.
Vorausgesetzt man bietet ihnen alternative Einkommensquellen an. Das können
beispielsweise Bienen sein, deren Honig sich gewinnbringend verkaufen lässt,
oder eine Zucht von schmackhaften Pilzen.
Aber ein großer Teil der 80 Millionen Vietnamesen lebt in den Städten. Und
der sorgt auch für die Ausbeutung der Wälder:
Das größte Problem ist wirklich das Konsumverhalten,
dass Wildtiere gegessen werden, dass Wildtiere für die Produktion von
traditioneller Medizin verwendet werden und besonders als Aphrodisiaka
gelten. Ob nun eingelegt in Reiswein oder als Balsam verabreicht, also je
reicher die Menschen werden, desto entwickelter sie werden, also jetzt haben
wir ja gerade in den urbanen Zentren haben wir wirklich eine Mittelklasse,
die sich jetzt entwickelt. Und die wollen Wildtierprodukte, weil das
irgendwie interessanter ist, genauso wie Tigerknochen, Primatenknochen, die
Nachfrage steigt. Und das ist ein ganz großes Problem.
Die Einstellung eines ganzen Volkes zu verändern - das braucht Zeit. Und die
haben die meisten Langurenarten Vietnams nicht mehr.
Es ist auch erstaunlich, wenn wir Zahlen vergleichen,
es gibt 70.000 bis 80.000 Orang-Utans, es gibt 120.000 Schimpansen, da gibt
es soviel finanzielle Unterstützung, die sind so bekannt weltweit. Aber
diese attraktiven Affenarten, die es in Vietnam gibt, die sind viel
gefährdeter. Keine Art hat mehr als 500 Individuen und trotzdem sind sie der
Weltöffentlichkeit überhaupt nicht bekannt in der Bedrohung.
Frank Momberg setzt auf drei verschiedene Strategien, um die Languren zu
retten. Er unterstützt die Ranger, damit sie die Gesetze besser durchsetzen
können. Außerdem arbeitet er mit der lokalen Bevölkerung in und um die
Naturschutzgebiete. Und immer gibt es Bildungsprojekte, die in allen Teilen
der Bevölkerung ein Bewusstsein für den Schutz der einzigartigen Affen
schaffen sollen. Doch bei all dem kämpfen die Tierschützer immer wieder mit
einem Problem. Robert Primmer, der aus Südafrika stammende FFI-Koordinator
für die vietnamesischen Affen, ist jedes Mal erregt, wenn er darüber
spricht.
20 Prozent vom Geld eines Naturschutzprojektes
abzuzweigen wird nicht als Korruption angesehen. Es ist quasi ein normaler
Bestandteil des ganzen Geschäfts. Wenn jemand beispielsweise einen Job als
Ranger bei der Forstbehörde haben möchte, dann funktioniert das wie folgt:
Seine Familie muss Verbindungen zur Forstbehörde haben, dann gibt seine
Familie diesem Verwandten oder Bekannten ein Geschenk in Form von Geld. Aber
auf diesen Job bewerben sich zehn Leute, und wer immer die engste Beziehung
zu dem Forstbeamten hat und wer am meisten Geld rausrückt bekommt
letztendlich die Stelle. So läuft das hier. 20 Millionen Dong, über 1000
Dollar kostet ein Job bei der Forstbehörde. Irgendwie muss dieses Geld
natürlich wieder reinkommen. Also verkauft ein Ranger das Holz, das er
gerade konfisziert hat, wieder zurück an den Holzschmuggler. Korruption ist
ein riesiges Problem in diesem Land, vielleicht das größte Problem für den
Naturschutz.
Die Korruption macht es schwer, gegen den illegalen Holzeinschlag im
Lebensraum der Languren vorzugehen. Dabei kann jeder Vietnamreisende in den
ländlichen Regionen sehen, wie sich die Landschaft durch die Landwirtschaft
und den Holzeinschlag verändert hat. Rechts und links der schmalen Wege
erstreckt sich die grün leuchtende Symmetrie der Reisfelder. Dazwischen
ragen immer wieder schroffe Felsen auf, als wollten sie mit ihrer Wildheit
die Ruhe der Reisfelder zerstören, die praktisch jeden Quadratmeter bis zum
Fuß der Felsen bedecken. Auf den grün bewachsenen Hängen dieser
Karstfelsformationen zeigen sich immer wieder rotbraune Wunden. Es sind
gerodete Flächen, auf denen zwei bis drei Jahre lang Maniok angebaut wurde,
solange bis sämtlicher Humus weggespült war. Auf diesen Flächen werden dann
oft Holzstämme ins Tal gerollt. Danach wächst dort nichts mehr, und kein
Affe findet jemals wieder Nahrung.
Im Primatenrettungszentrum im Cuc Phuong Nationalpark kann Thilo Nadler zu
jedem Affen eine Gesichte erzählen.
Das ist jetzt vielleicht auch etwas besonderes, das
sind die braunen Kleideraffen. Kleideraffen gab es ja in der Vergangenheit
nur zwei in Vietnam, jetzt haben wir drei. 1997 haben wir den hier bekommen.
Richard heißt der. Der sah nun anders aus als die beiden bisher bekannten,
der schwarzschenkelige und der rotschenkelige Kleideraffe. Und als wir dann
noch ein Tier bekamen. Und ich in der Sammlung der Forstuniversität in
Hanoi, noch ein ausgestopftes Tier fand, war dann klar, dass das was anderes
sein musste, stellte sich heraus, dass das eine neue bis dahin unbekannte
Affenart ist. Und jetzt haben wir sozusagen seit 1997 drei Kleideraffen in
Vietnam.
Um ganz sicherzugehen, dass er eine neue Art von Kleideraffen entdeckt
hatte, brauchte Tilo Nadler allerdings noch Unterstützung. Und die fand er
am Deutschen Primatenzentrum in Göttingen. Dort arbeitet der Genetiker
Christian Roos.
Gerade bei den Kleideraffen gibt es das Problem, dass
es sehr viele Farbvarianten gibt und es gibt auch Mischformen zwischen den
drei Hauptfarbgruppen und es ist dann unklar, welcher Art das entsprechende
Tier angehört und dazu kann die Genetik dann einen wichtigen Beitrag
leisten, um dann zum Beispiel auch die Verbreitung bestimmter Arten
aufzuklären.
Der genetische Vergleich bewies: Tilo Nadler hatte tatsächliche eine neue
Art von Kleideraffen entdeckt, die ausschließlich in Zentralvietnam vorkam.
Nach diesem Erfolg wollte Christian Roos Ordnung in das Artenchaos der
vietnamesischen Affen bringen. Er sammelte immer mehr Proben, verglich sie
untereinander und förderte immer mehr Überraschendes zu Tage: Der in Ha
Giang im Norden beheimatete Francoise-Langur hat mit seinem chinesischen
Verwandten sowenig gemein, dass er eine neue Art bildet. Eigentlich braucht
er einen neuen Namen. Den soll ihm aber ein Sponsor geben, der den Schutz
dieser neu entdeckten Langurenart finanziert. Bislang sucht Christian Roos
noch vergeblich nach einem potenten Geldgeber.
Der Phayre Langur, dessen Proben der Genetiker analysiert, ist auch kein
Phayre Langur - obwohl er genauso aussieht. Inzwischen heißt er schlicht
"grauer Langur".
Mittlerweile sind die Verwandtschaftsbeziehungen der vietnamesischen
Affenarten weitestgehend geklärt. Und auch für den Tierschutz bringen die
genetischen Untersuchungen von Christian Roos immer wieder wichtige
Ergebnisse:
Die rotschenkeligen Kleideraffen, die in europäischen
Zoos gehalten werden, kommen alle aus Südlaos. Es gibt aber auch
Verbindungen von Südlaos nach Vietnam über einige Hauptrouten und viele
Kleideraffen, die in Vietnam beschlagnahmt werden kommen aus Südlaos.
Der Genetiker hat inzwischen so viele Proben von den verschiedensten
Langurenarten gesammelt, dass er anhand der genetischen Unterschiede nicht
nur verschiedene Arten auseinander halten kann. Er erkennt auch die feinen
Unterschiede zwischen einem rotschenkeligen Kleideraffen aus Vietnam und
einem rotschenkligen Kleideraffen aus Südlaos. Wenn er Proben von
konfiszierten Tieren aus dem illegalen Tierhandel untersucht, kann er also
genau bestimmen, woher das jeweilige Tier stammt. Dann ist schnell klar in
welchen Gebieten am meisten gewildert wird. Die Tierschützer wissen dann
also, wo sie möglichst bald eingreifen müssen.
Besonders wichtig sind die genetischen Untersuchungen bei Langurenarten, die
kurz vor dem Aussterben stehen. Roos:
Wir versuchen eine genetische Überwachung der
Populationen aufzubauen, wobei wir möglichst alle Individuen einer Art
untersuchen wollen. Dadurch eben auch überprüfen wollen, inwieweit die
Populationen schon genetisch verarmt sind, um möglicherweise dann auch
wieder Populationen zu verbinden, möglicherweise über kleine Brücken
zwischen Gebirgsregionen, oder auch Populationen umzusiedeln, um dann diesen
genetischen Flaschenhals gering zu halten und eine stabile genetisch gesunde
Population aufrechtzuerhalten.
Von einem "genetischen Flaschenhals" sprechen Experten, wenn eine Tierart
durch eine Umweltkatastrophe oder eine Seuche sehr plötzlich auf wenige
Individuen geschrumpft ist. Die Gene dieser wenigen Individuen stellen dann
das einzige Reservoir dar, aus dem sich die Population bei ihrem Wachstum
bedienen kann. Ein genetischer Flaschenhals lässt sich auch Generationen
später im Genpool einer Tierart nachweisen. Dann sind sich alle Individuen
untereinander genetisch sehr ähnlich, da sie alle von wenigen Ahnen
abstammen. In Vietnam durchlaufen beispielsweise die Cat Ba Languren einen
solchen genetischen Flaschenhals. Es gibt weniger als 60 Tiere. Früher
lebten einmal 3000 Tiere auf der Cat Ba Insel in der Halong Bucht. Erst in
den letzten 10 Jahren sind so viele Tiere gejagt worden, dass der Cat Ba
Langur nun der seltenste gewöhnliche Affe der Welt ist. Seltener sind mit
weniger als 30 Tieren nur noch die östlichen schwarzen Schopfgibbons, die
allerdings zu den Menschenaffen zählen. Für den Cat-Ba-Langur und die
östlichen Schopfgibbons besteht nur noch wenig Hoffnung. Für einige andere
gefährdeten Affen plant Tilo Nadler ein kühnes Projekt:
Jetzt kommen wir hier an unsere Freianlage. Wir haben
zwei Freianlagen mit relativ ursprünglichem Baumbestand. Mit nahezu
Primärwaldcharakter. Eine Anlage, die haben wir schon nun schon seit sechs
Jahren, das ist die hier mit zwei Hektar Fläche und die neue, der Berg
dahinten, mit 4 Hektar Fläche, wo wir Langurengruppen haben, hier haben wir
Delacour-Languren. Auf der anderen haben wir Hatinh-Languren und Gibbons.
Und das ist gedacht als erste Stufe sozusagen für eine Wiederauswilderung,
wir wollen also sehen, wie die Tiere hier wenn sie aus dem Käfig kommen im
natürlichen Habitat zurechtkommen. Und wenn wir die Vorraussetzung haben, in
Gebieten des natürlichen Vorkommens, dann wollen wir die Tiere in eine
Freianlage des natürlichen Habitats bringen und auch wieder nach einer
entsprechenden Trainingszeit wieder zurück in die freie Wildbahn. Das
bedeutet natürlich auch, dass wir unbedingt sicherstellen müssen, dass der
Jagddruck in diesem Gebiet gleich null ist, sonst würde das natürlich wenig
Sinn machen, die Tiere dahin zu bringen, wenn sie schon nach kurzer Zeit
wieder dem Jäger zum Opfer fallen.
Wir haben Glück: Die scheuen schwarz-weißen Delacour-Languren, die in
Deutschland auch Pandalanguren genannt werden, zeigen sich am Rand des
Freigeheges. Mit einem Fernglas ist zu sehen, wie sie sich genüsslich ein
Blatt nach dem anderen in den Mund stopfen. Das Gelände bietet ihnen genug
Nahrung. Tilo Nadler muss sie nicht mit zusätzlichem Futter versorgen. Eine
gute Vorbereitung also für die Wiederauswilderung, die schon bald in Phong
Nhga Ke Bang erfolgen soll, einem Naturschutzgebiet im nördlichen Teil von
Zentralvietnam. Das Projekt ist allerdings umstritten. Robert Primmer:
Ich glaube, dass Wiederaussiedelung reine
Zeitverschwendung ist, vor allem, weil wir einem Tier nicht beibringen
können, mit anderen Tieren derselben Art oder fremden Arten umzugehen. Diese
Affen wissen nicht, wie sie sich ein eigenes Revier zulegen. Sie wissen
nicht, wie sie auf andere wilde Gruppen zugehen sollen, oder wie sie selbst
in solchen Gruppen aufgenommen werden können. Wenn ein Affe, der zuvor in
Gefangenschaft gelebt hat, mit einer wilden Gruppe derselben Art in Kontakt
kommt, dann kann er mit den hierarchischen Strukturen innerhalb der Gruppe
nicht umgehen und wird wahrscheinlich von seinen wilden Artgenossen getötet.
Aber der einzige Grund, warum wir überhaupt Affen wiederauswildern ist doch,
damit sie die Anzahl der frei lebenden Tiere erhöhen und den Genpool der
wilden Populationen erweitern. Was bringt es also, wenn in 90 Prozent der
Fälle der ausgewilderte Affe getötet wird? Ich darf gar nicht daran denken,
wie viel Geld verschwendet wird, bis man, nach vielleicht zehn Jahren, einen
Affen soweit hat, dass man glaubt, er hätte in freier Wildbahn tatsächlich
eine Chance. Ich kann verstehen, dass wir seltene Arten in Gefangenschaft
züchten, um für den absoluten Notfall noch diesen großen Genpool zur
Verfügung zu haben, für den Fall, dass diese Art im Freiland nahezu
ausgestorben ist. Aber Wiederauswilderung ist meistens nur ein Vorwand, um
Geld lockerzumachen. Da will ich mal ehrlich sagen, was ich denke. So
einfach ist das.
Der FFI-Koordinator für die Affen Vietnams ist sich sicher, dass sich mit
dem Geld, das bei einem einzigen Wiederauswilderungsprojekt verschwendet
würde, problemlos gleich zwei Arten in freier Wildbahn retten ließen. Das
beweisen die vielen fehlgeschlagenen Wiederauswilderungsprojekte für Affen.
Lediglich ein Projekt mit Löwenäffchen in Brasilien war nach ungefähr zwölf
Jahren und vielen Fehlschlägen endlich erfolgreich. Es kostete Unsummen.
Es ist viel schwerer, einen Geldgeber davon zu
überzeugen, ein Tier in freier Wildbahn zu retten, als finanzielle Mittel
für ein Wiederauswilderungsprojekt locker zu machen. Wiederauswilderung ist
sexy. Einen Zaun um ein Schutzgebiet zu bauen ist nicht sexy. Geldgeber
verstehen gar nicht, was hier wirklich vor sich geht. Es ist ziemlich
einfach, die Leute vor dem Fernseher zu überzeugen, wenn viele Affen hinter
Dir im Käfig herumturnen. "Wir entlassen sie in die freie Wildbahn, wenn ihr
uns nur das Geld dafür gebt." Wir aber sagen, dass es da in diesem Gebiet
ungefähr 40 Affen gibt, die wir gerne retten möchten, die wir aber leider
nicht zu Gesicht kriegen - na dann ist es viel schwerer, die Leute zu
überzeugen.
Robert Primmer ist mit Tilo Nadler befreundet. Aber in diesem Punkt werden
sich die beiden Tierschützer nie einig sein. Außer vielleicht, wenn der
Deutsche mit seinem Wiederauswilderungprojekt tatsächlich Erfolg haben
sollte. Dass sich eine Affenart auch in freier Wildbahn retten lässt,
beweist ein Projekt in der Nähe der nördlichen Provinzhauptstadt Ha Giang.
Dort waren Robert Primmer und Frank Momberg von FFI sehr erfolgreich mit dem
Schutz des Stumpfnasen-Tonkin-Affen.
So seltsam wie sein Name ist auch sein Aussehen. Auf den wenigen Photos, die
es von ihm gibt, wirkt er als wäre er ein haariges Wesen von einem anderen
Planeten. Er ähnelt den Ewoks aus der Star-Wars-Trilogie.
Also vielleicht wirklich eine der beeindruckendsten
Affenarten, die es weltweit gibt. Also mit blauem Gesicht und wülstigen
Lippen, also ja wirklich komisch sehen sie aus. Haben nur kleine " Uh"
Unklaute, die sie hervorrufen. Und leben sehr zurückgezogen in diesen
unzugänglichen Karstgebieten. Es gibt kein einziges Tier in Zoos weltweit.
Es gab mal ein einziges Tier, was hier im Primatenzentrum im Vietnam
gehalten worden ist. Aber weil wir so wenig wissen über seine
Ernährungsweise ist dieses Tier schon nach kurzer Zeit gestorben in
Gefangenschaft.
Sicher wissen die Forscher über die seltsamen Stumpfnasen-Tonkin-Affen im
Moment noch so gut wie gar nichts.
Wir wissen, dass sie in kleinen Familiengruppen,
normalerweise so zwischen fünf bis sieben Tieren leben. Aber auf Grund des
großen Jagddruckes kommt es auch zu Veränderungen der Sozialstrukturen. Das
haben wir bei anderen Affenarten beobachtet, wie beispielsweise den
Goldschopflanguren, wo diese Tiere durchaus in sehr großen Gruppen von 40
bis 60 Tieren lebten und jetzt nur noch in sehr kleinen Gruppen von 5 bis 7
Tieren. Und das kommt durch den Jagddruck. Aber auf Grund dieser starken
Verdünnung in der Landschaft, wo nur noch sehr kleine Gruppen bestehen,
kommt es auch zur Isolierung einzelner Gruppen, also einem verringerten
Sozialaustausch zwischen Primatengruppen. Also deswegen wissen wir nicht, ob
die jetzige Familienstruktur wirklich der normalen natürlichen Struktur
entsprechen würde.
Demnächst soll eine Plattform in den Baumkronen entstehen. Dann kann ein
Verhaltensforscher, die Tiere endlich aus der Nähe beobachten. Damit das
überhaupt möglich wurde, musste Robert Primmer sehr viel Reisschnaps
trinken.
Es ist sehr einfach, die Leute feiern gerne. Und die
Minderheiten trinken gerne. Also feiern wir erst einmal zusammen. Wir
trinken, reden und dann fangen sie oft an Lieder über den Wald zu singen.
Wir erzählen dann etwas über diesen ganz besonderen Affen in ihrem Wald.
Dadurch lenken wir ihre Aufmerksamkeit auf diese bedrohte Tierart. Wir
werfen Ideen in den Raum. Die Minderheiten greifen diese Ideen schnell auf.
In Tung Ba zum Beispiel saßen wir einmal in einer munteren Runde bei einigen
Gläsern Reisschnaps zusammen. Wir haben dann vorgeschlagen einige Regeln
aufzustellen, die helfen sollten, den Stumpfnasen-Tonkin-Affen zu schützen.
Am Ende haben die Dorfbewohner von Tung Ba, diese Regeln dann selbst
aufgestellt. Dabei kam letztendlich heraus, dass sie jeden daran hindern
wollten, in die Kernzone des Schutzgebietes auch nur hineinzugehen. Sie
haben also beschlossen, das Gebiet mit einer Demarkationslinie zu
kennzeichnen. Außerdem haben sie eine dorfeigene Rangertruppe aufgestellt,
die aufpasst, dass niemand Holz aus der Kernzone herausholt oder dort jagt.
Wir haben nur einen Ball ins Rollen gebracht, der immer größer und größer
wird.
Als Robert Primmer von Afrika nach Asien kam, hatte er zunächst Probleme mit
der Mentalität der Vietnamesen. Heute weiß er, wie er mit den Menschen
umgehen muss, damit sie den Naturschutz unterstützen.
Es basiert einfach darauf, dass niemand hier sein
Gesicht verlieren will. Wenn ein Familienvater sagt: Ich bin einverstanden
mit diesen Regelungen und die Person, die in der Rangfolge über ihm steht
sagt, ich mache diese Regeln, dann verliert der Familienvater sein Gesicht,
wenn er die Regeln bricht. Aber auch die Person, die die Regeln macht. Der
Gesichtsverlust ist also eine Art von Kontrolle die in den Hierarchien in
Vietnam sowohl von oben nach unten, wie auch von unten nach oben
funktioniert. Als ich vor zwei Jahren zuerst in dieses Gebiet kam, hörte ich
ständig Schüsse, heute höre ich keine Schüsse mehr. Und das nur, weil die
Leute selbst Regeln aufgestellt haben, weil wir Vereinbarungen mit ihnen
getroffen haben, die sie selbst unterschrieben haben. Dagegen zu verstoßen
würde Gesichtsverlust bedeuten. Außerdem war es natürlich wichtig, ihnen
Alternativen für die Jagd auf den Affen anzubieten. Ohne diese alternativen
Einkommensquellen hätten sie sicherlich keine Regeln für den Schutz des
Affens geschaffen. Aber es hat funktioniert. Diese Gruppe von Affen hat sich
stabilisiert. Sie haben wieder Nachwuchs. Aber wenn wir heute dort nicht
mehr aktiv wären, dann wäre binnen kürzester Zeit wieder alles so wie
vorher.
Der Dschungel, in dem die letzten Stumpfnasen-Tonkin-Affen leben, gehört
wahrscheinlich zu den unzugänglichsten Wäldern der Welt. Obwohl die
Vegetation sehr dicht ist und hier riesige Bäume wachsen, besteht der Boden
nicht aus Erde. Scharfe Felsen bilden den Untergrund. Sie sind glitschig und
von Moos bewachsen. Wer sich in diesem Gelände bewegen will, muss gut
trainiert sein - so wie die Männer der dorfeigenen Schutztruppe von Tung Ba.
Der Stumpfnasen-Tonkin-Affe ist allerdings nicht zu sehen, nicht einmal aus
der Ferne auf einer Baumkrone. Aber es ist gut zu wissen, dass er in diesem
Wald sicher ist.
|
|
dradio.de |
|