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Vorhang auf für Marseilles Strände

Frankreich Reisen : Hotels, Flüge, Pauschalreisen, Information

Ein wenig Abbruchromantik, ein wenig Schick: Die drittgrösste Stadt Frankreichs verwöhnt ihre Einheimischen und Touristen mit einzigartigen Badeplätzen.

Keine zwanzig Gehminuten vom touristischen Zentrum der südfranzösischen Stadt entfernt beginnt die Küstenstrasse Corniche und mit ihr die Entdeckungsreise zu unzähligen kleinen Badeplätzen inklusive Restaurants, Bars und Nachtklubs.

Eine der ältesten Badeanstalten in Marseille ist La Plage des Catalans. Dort, wo sich Mitte des 18. Jahrhunderts katalanische Fischer ansiedelten, geniessen die Einwohner heute das Strandleben. Morgens kneippen ältere Damen im frischen Meerwasser, die Senioren spielen derweil Volleyball; nachmittags toben die Kinder in den Wellen. Die riesigen Seemöwen lassen sich dadurch nicht beirren. Sie stolzieren gemächlich über den Strand. Abends, wenn das Bad seine Tore schliesst, tun sie sich an den Abfällen der Badegäste gütlich.

Freier Zugang zum Meer - für alle
Die ehemaligen Gebäude der Fischer und die anderen Bauten sind zum Teil baufällig; der lange, ins Meer hinausreichende Steg ist mittlerweile gesperrt. Trotzdem umgibt den Strand etwas Exklusives. Ist es vielleicht bloss die Tatsache, dass man hier mitten in der Grossstadt in sauberem, türkisblauem Wasser baden kann? Nebenan thront das kolossale Gebäude des CNM (Cercle des Nageurs de Marseille) mit einem Olympiabecken, Restaurant, Aussenpool und Sonnenterrassen. Oberhalb der Plage des Catalans steht ein weisses achtstöckiges Haus im Art-déco-Stil mit Coiffeur, Restaurant und Bar im Erdgeschoss. Dahinter der für Marseille typische architektonische Wildwuchs aus kleineren Stadthäusern und scheinbar wahllos hingeklotzten Betonblöcken. Weit weg sind der Autolärm der nahen Küstenstrasse und die Hundehaufen im Quartier. Hier gibt es nur das Rauschen des Meers, den Strand, die Sonne und immer wieder den kräftigen, kühlen Mistral.

Bis vor einem Jahr war der kleine Strand ein Privatbad. Der Eintritt kostete vier Euro; zu teuer für manche Stadtbewohner. Neuerdings ist ein Teil des Bades öffentlich und gratis. Armand, der alte Bademeister und einstige Chef des Strandes: «Das ist das Gesetz. Es schreibt vor, dass das Meer für alle zugänglich sein muss.»

Mikrokosmos mit Charme
So wurde aus der Plage des Catalans eine Art Zweiklassenbad: Unten, am Sandstrand, tummelt sich die Quartierbevölkerung kostenlos und unter Aufsicht der Police national (sie übernimmt in Frankreich den Rettungsdienst), und oben, auf den zwei Terrassen, liegen die zahlenden Gäste brutzelnd auf gepolsterten Liegestühlen. Frauen strecken operierte Brüste der Sonne entgegen, Männer veredeln ihre braunen Körper mit Sonnenöl, an der einfachen, lauschigen Bar gönnt man sich zwischendurch einen Salat oder ein Glas Rosé.

Wenige Minuten entfernt: Le Bistro Plage, auch das ein Badeplatz mit Tradition. Wie schon in den 1920er-Jahren steigt man von der Küstenstrasse über eine Treppe mit lang gezogenen Stufen hinunter zum Bistro Plage. Das schwarzweisse Foto im Innern des Lokals zeigt Schwimmer und Schwimmerinnen in gestreiften Badeanzügen auf einem hölzernen Steg. Im Verlauf der Zeit wurde die Badeanstalt vergrössert: Es kamen weitere Gebäude für das Restaurant und neue, abenteuerlich übereinander verschachtelte Sonnenterrassen dazu. Gleich nebenan liegt der Petit Pavillon. Auch hier wird gebadet, gegessen und getrunken. Für 23 Euro gibt es die «Formule plagiste»: Liegestuhl, Mittagessen, Getränk.

Spaziert man weiter, entdeckt man unterhalb einer Brücke die pittoreske alte Fischerbucht im Vallon des Auffes. Hier glaubt man sich in einem Dorf in den nahen Calanques: Alles ist klein, niedlich, irgendwie verwunschen. Es scheint, als ob die Stadtentwicklung bis jetzt um diesen Mikrokosmos einen weiten Bogen gemacht hätte. Selbst die grossen polierten Autos, die vor dem alteingesessenen Restaurant Chez Fonfon stehen, tun der Illusion keinen Abbruch. Noch immer wird hier gefischt. Gemütlich schaukeln die kleinen bunten Boote im Wasser, Katzen sonnen sich vor den Häusern, Kinder springen ins Meer, Nachbarn halten einen Schwatz auf der Gasse. Nur wenn man den Kopf hebt, hat einen die Stadt wieder: Zwei Hochhäuser markieren das abrupte Ende der Idylle. Stimmt, das ist ja Marseille, die drittgrösste Stadt Frankreichs.

Es sind die vielen kleinen Dinge, das Improvisierte und Unperfekte, die diese verschiedenen Badeplätze am Meer so liebenswert und einzigartig machen. Die mit Ästen verkleidete Bar im Südseestil, der alte Brunnen an der Mauer mit dem Schild «Aqua potable», das laienhaft gepinselte Wandbild mit einer Strandszene aus den 60er-Jahren, der beinahe surreal anmutende alte Hafen im Vallon des Auffes oder die versteckte, winzig kleine Kieselsteinbucht bei der Plage des Catalans - der Platz reicht gerade mal für drei Badetücher.

Der Reiseführer Lonely Planet verzeichnet entlang der Küstenstrasse auf einer Strecke von etwa zehn Kilometern zwanzig(!) Badeplätze. Glücklich die Marseiller, voll freudiger Erwartung die Entdeckungsreisenden.

Von Tertia Hager
 

http://www.tagesanzeiger.ch

 

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